Die Taubenväter von Kairo

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karimoo

In das Gehupe der Tuk-tuks und Autos, das von unten bis in die 12. Etage hochschwappt, mischt sich jetzt wieder ein lautes Pfeifen und gelegentliches Klopfen.

Ein Blick auf die Uhr:
Noch ungefähr eine halbe Stunde bis zum Sonnenuntergang und dem Maghrib-Gebet.
Es ist Taubenzeit.

Als mir das zum ersten mal aufgefallen war, bin ich raus auf unseren Balkon, um zu sehen, welche Kinder ein neues Lärmspielzeug bekommen hatten.
Tatsächlich sah ich jedoch zunächst einen Mann, der laut pfeifend auf dem Dach stand und eine Fahne von Saudi Arabien schwenkte. Nicht weit entfernt um die Ecke , stand ein zweiter Mann auf dem Dach eines Holzschuppens, der das Dach des Hauses nochmal mehrere Meter überragte, ebenfalls laut pfeifend mit einer, wie ich glaube, jamaikanischen Flagge.

Im folgenden Video seht und hört, was ich regelmäßig beobachte:

„Komische Art der Kommunikation“, dachte ich zuerst – „muss wohl eine Geheimsprache sein“.
Dann fiel mir aber auf, dass beide auf dem Dach eines Taubenschlages standen.

Von diesen Holzverschlägen – oder Tauben-Lofts, Gheya (غية) – hoch oben über den Dächern der Häuser gibt es in unserem Viertel jede Menge.
Im übrigen ein Hinweis darauf, dass dies ein Viertel mit eher geringerem Einkommen ist.

Blick von unserem Balkon Richtung Nordwesten.
Recht oben, da wo die hohen Türme am Horizont sind, ist in etwa der Nil.
Ich zähle 14 Taubenschläge, „Gheya“ (غية).

Mit etwas Nachforschung habe ich dann rausgefunden, dass die beiden Männer nicht miteinander kommunizierten, sondern mit ihren Tauben. Es geht darum, möglichst viele Tauben in einem Schwarm zu versammeln, die eigenen und die aus anderen Ställen, und den Schwarm dann in den eigenen Stall zu leiten. Wer die meisten fremden Tauben in seinen Stall bringt, hat gewonnen.

Der Aspekt des Hobbys ist ähnlich wie beim Taubenvatter im Ruhrpott.
Es gibt aber durchaus einen finanziellen Hintergrund, da Taubenfleisch hier auch als Delikatesse gehandelt wird.

Als ich versucht habe mit unserem Freund Sabid über meine Entdeckung der Taubenschlägen in meinen Einfach-Wort-Sätzen auf Arabisch zu reden, war die erste Reaktion auf das Wort الحمام „die Tauben“, dass er mir etwas zu Essen bestellen wollte.

Und wie vieles im Land der Pyramiden, hat die Taubenhaltung hier- und eben auch die damit verbundene Küche – eine jahrtausende alte Geschichte, die sogar noch bis weit vor die Pharaonen zurückreicht.

Das ist wirkliche nur die Kurzfassung.
Ausführlich gibt es das in einer Documentation von Al Jazeera.
Nebenbei lernt man hier auch einiges über „Garbage City“ und die spezielle Art der Müllentsorgung in Kairo.

Pigeon Battles of Cairo: Egypt’s High-Flying Sport
🇪🇬 Pigeon Battles of Cairo: Egypt’s High-Flying Sport | Witness

Oder hier in den Artikeln von:

2 Gedanken zu „Die Taubenväter von Kairo“

  1. Interessant. Allerdings wäre hier früher ein Bürgerkrieg ausgebrochen, wenn ein Züchter dem anderen auch nur ein Täubchen stibitzt und in die Pfanne gehauen hätte – womöglich noch den Star des Schlags. (;

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  2. Macht Spaß dir zu folgen. Musste so lachen als ich das mit dem Bezug zum Essen gelesen habe. Kann mich gut an China erinnern, wenn es mit der Kommunikation nicht gepasst hat, wurde erst mal gefragt, ob man nicht was essen möchte – auch wenn es da nicht um Tauben ging ;-)

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